Zwei Sendungen prägten am Donnerstag mein Abendprogramm: Das von der Südwestpresse veranstaltete Wahlforum der Direktkandidat*innen für Neu-Ulm, sowie die Sendung von Markus Lanz im ZDF.
In letzterer war mit Margot Friedländer eine Holocaust-Überlebende zu Gast, die heuer ihren 100. Geburtstag feiert und sehr lebhaft ihre schrecklichen, persönlichen Erfahrungen im Dritten Reich schilderte.
Ihre Erzählungen von der Reichspogromnacht waren so detailliert, als wäre es gestern geschehen. Sie berichtete, wie 1943 ein Gestapo-Mann vor ihrer aufgebrochenen Wohnung wartete, nachdem ihr Bruder und ihre Mutter bereits abgeholt wurden, wie sie ein Jahr erfolgreich in den Untergrund ging und dann doch gefasst und nach Theresienstadt gebracht wurde, während Mama und Bruder in Auschwitz ermordet wurden.

Und wie sie davon berichtet, bemerkt sie die Gänsehaut, die sie noch heute dabei spürt und die jede*r Zuschauende ebenfalls bei sich selbst wahrnimmt.
Gleichzeitig denke ich in diesem Moment an das Wahlforum der Wahlkreis-Kandidat*innen von CSU, FDP, Linken, SPD, Grünen und AfD. Darin wurde Alexander Engelhard, dem CSU-Direktkandidaten (und Nachfolger Georg Nüssleins), die Frage einer Zeitungsleserin gestellt. Diese lautete:
“Unsere Gesellschaft spaltet sich immer mehr. Wie soll die Union mit Kandidaten wie Hans-Georg Maaßen umgehen, wenn es Äußerungen gibt, die sich enorm am rechten Rand bewegen?”
Zur Erinnerung: Hans-Georg Maaßen ist, wie SWP-Chefredakteur Matthias Stelzer richtig bemerkte, ehemaliger Verfassungsschutz-Chef in Deutschland. Auch ist er (während des Wahlkampfes allerdings ruhendes) Mitglied der auch in Unionskreisen kritisch betrachteten Wertunion, eines nach rechts offenen, CDU-nahen Vereins. Doch Maaßen ist mehr als nur eine umstrittene Figur der Union. Als Rechtspopulist zeigt er sich gerne auf Fotos mit Neonazis und ist generell den Positionen der AfD wenig abgeneigt. Den Grünen wirft er “Rassismus gegen die eigene Nation” vor – ein rechtsextremer Diskurs. Er bedient sich bewusst und unentwegt rassistischer Narrative und klassischer, antisemitischer Stereotype. Seine Aussagen werden von Verfassungsschützern beobachtet. Und Maaßen kandidiert in Süd-Thüringen für ein Direktmandat im kommenden Deutschen Bundestag.
Die Antwort Engelhards auf diese Frage, die ihm die Chance bot, sich von diesem Mann thematisch zu distanzieren, offenbarte leider eine völlig andere, mir unverständliche Denkweise:
“Unsere Demokratie muss stark genug sein, um damit umzugehen. Das muss ich ganz klar sagen, das müssen wir aushalten. Sonst haben wir keine Demokratie mehr.”
Dieser eine Moment in der Diskussion macht sprachlos. Wir haben heute eine Demokratie, weil der Nationalsozialismus besiegt wurde und seine Denkweise nie wieder die Köpfe unserer Bürger*innen verseuchen darf.
Wir müssen einen Rassisten und Antisemiten “aushalten”?
Richten Sie, Herr Engelhard, bitte diesen Satz direkt an Frau Friedländer und andere Jüdinnen und Juden, die die Schrecken des Nationalsozialismus erlebt haben oder noch heute Opfer von Antisemitismus und Antiziganismus sind (wie unlängst nach den Angriffen am Gaza-Streifen).
Auf Stelzers Nachfrage, ob Maaßen denn bleiben und kandidieren dürfe, antworteten Sie mit einem klaren JA. Sie dulden damit bewusst seine undemokratische Denkweise und unterstützen seine widerlichen Aussagen.
Erklären Sie uns bitte, an welchem Punkt Sie die Grenze ziehen, ab wann wir es so lange “aushalten” mussten, bis es zu spät ist.
Ich erwarte mehr von einem Kandidaten, der sich anschickt die Interessen unseres Wahlkreises im Bundestag zu vertreten. Natürlich kann ich einem Vertreter der CSU seine Befürchtung eines “Linksrucks” nicht übel nehmen – so ticken Konservative nun einmal. Aber ich, nein wir alle, müssen von einem demokratischen Volksvertreter erwarten dürfen, dass er sich bei Rechten nicht weg duckt, auch wenn sie aus der eigenen Mitte entspringen.

Euer Stefan Nußbaumer
Neuste Artikel
Umwelt Verkehr Wirtschaft
Neu-Ulm: Nachhaltige Verkehrsanbindung für das Gewerbegebiet Schwaighofen-Süd
Bündnis 90/Die Grünen setzen sich für eine umwelt- und anwohnendenfreundliche Anbindung über die Otto-Renner-Straße ein Das neue Gewerbegebiet Schwaighofen-Süd bietet große Chancen für die wirtschaftliche Entwicklung unserer Stadt. Doch dieser Fortschritt darf nicht zu Lasten von Anwohnenden und Umwelt gehen. Aus diesem Grund stellt unsere Fraktion Bündnis 90/Die Grünen den Antrag, die derzeit geplante Verkehrsanbindung…
Stolpersteine-Putzen in Erinnerung zum Internationalen Holocaust-Gedenktag – #WeRemember
Am Montag, den 27. Januar 2025 jährt sich der Internationale Holocaust-Gedenktag und damit auch der Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee 1945. Der Ortsverband von Bündnis 90/Die Grünen ruft aus diesem Anlass zum Reinigen der in die Bürgersteige eingelassenen Stolpersteine am 26. Januar auf. Wir laden dazu alle Bürger*innen ein und…
Baumpflanzung Klima Stadtrat Neu-Ulm Umwelt
Klimabaumaktion für Neu-Ulm: Gemeinsam für ein besseres Stadtklima
Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen hat einen Antrag zur Förderung des Stadtklimas in Neu-Ulm eingebracht. Ziel ist es, durch eine sogenannte „Klimabaumaktion“ Bürgerinnen und Bürger dazu zu ermutigen, auf privaten Grundstücken Bäume zu pflanzen und so einen aktiven Beitrag zur Durchgrünung und Kühlung der Stadt zu leisten. Dabei sollen 200 Bäume kostenlos an Neu-Ulmer verteilt…
Ähnliche Artikel
Bundestagswahl
Grüne Neu-Ulm und Günzburg nominieren Alpay Artun als Direktkandidat für die Bundestagswahl
Am 8. November 2024 wählten die Kreisverbände Neu-Ulm und Günzburg von Bündnis 90/Die Grünen in einer gemeinsamen Nominierungsversammlung in Günzburg ihren Direktkandidaten für die kommende Bundestagswahl im Wahlkreis 254. Alpay Artun aus Neu-Ulm wurde von den 58 stimmberechtigten Mitgliedern ohne Gegenstimme nominiert. Die Wahlleitung übernahm der Landtagsabgeordnete Maximilian Deisenhofer. In seiner Rede betonte Artun das…
Bundestagswahl
This Girl is on Fire – Annalena Baerbock in Ulm
Die Grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock besucht Ulm.
Bundestagswahl
Ekin Deligöz als Kandidatin nominiert
Am 27. September gab Ekin Deligöz bekannt, nochmal für den Bundestag kandidieren zu wollen, wo sie bereits seit 1998 Mitglied ist. Nun, am 12. November 2020, trafen sich die Mitglieder der Kreisverbände Neu-Ulm, Günzburg und Unterallgäu, um ihre Kandidatin zu nominieren.